12. September 2017

Pressemitteilung

Mit Röntgenstrahlen die Geheimnisse alter Fahrzeugbaukunst ausleuchten: Die Geheimnisse der Kutschen und Schlitten im Marstallmuseum

 

Stolz reckt sich die Nymphe in die Höhe. Ihre langen Haare wehen im Wind, um ihren schlanken Körper winden sich Blumenranken. Die Hände hat sie erhoben, in ihnen hält sie eine Krone. In dieser Krone brannte einstmals Licht, wenn König Ludwig II. in seinem Neuen Prachtschlitten durch das Gelände streifte. Hinter der Nymphe hat ein Schwan seinen Platz. Umwoben von Ranken und von Putten begleitet, gehört er zu einer Tritonsfigur, die auf dem Gestell des Schlittens befestigt ist. Doch wie ist er gebaut? Und wo verläuft das Kabel für den Strom in der Lampe der Krone?

Diesen und weiteren Fragen zu den Fahrzeugen, die im Marstallmuseum ausgestellt sind, ist die Bayerische Schlösserverwaltung nachgegangen. Sie hat Teile des Neuen Prachtschlittens, des Neuen Galawagens König Ludwigs II. und des Krönungswagens Kurfürst Karl Albrechts beziehungsweise Kaiser Karl VII. samt den dazugehörigen Pappmaché-Pferden geröntgt, um mehr über das Innenleben der aufwändigen Konstruktionen zu erfahren. „Wir wollen wissen, wie die Konstruktion verläuft und wie die Dekoration außen herum gebaut ist“, erklärt Dr. Heinrich Piening, Restaurator der Bayerischen Schlösserverwaltung. Die Lampe der Nymphe am Neuen Prachtschlitten, einem Multifunktionsfahrzeug, bei dem der Wagenkasten abgenommen und auf ein Wagengestell montiert werden konnte,  musste mit Strom versorgt werden. Dieser kam aus Batterien, die unterhalb des Sitzes im Kutschkasten angebracht waren. Am Rücksitz des Schlittens, dort, wo der Lakai saß, ist ein Lichtregler ähnlich eines „Dimmers“ angebracht. „Das Kabel verläuft erst ein Stück im Arm der Nymphe, dann getarnt im Blumenschmuck um sie herum und verschwindet auf Höhe ihres Gesäßes im Holz. Hinten am Rücksitz sieht man das Kabel ein Stück weit, dazwischen ist es verdeckt“, so Piening. Wo es zwischen Nymphe und Rücksitz verläuft, möchte er mit dem Röntgengerät klären. Der Schwan der Tritonsfigur wirft ebenfalls einige Fragen auf. „Wie ist er gebaut und wie sitzt er auf dem Schlitten?“
Am Neuen Galawagen von Ludwig II. sind es besonders die kupfernen Bildtafeln an der Türe, die interessieren. Von den reich verzierten, bemalten Türenfüllungen existiert noch ein Ersatzpaar. „Wir gehen davon aus, dass die Tafeln ausgetauscht werden konnten“, erklärt Piening. Nun will man herausfinden, wie der Umbau von sich gegangen ist, ohne den ganzen Kutschkasten zu zerlegen, ob im Inneren eine Befestigung angebracht ist. Zu guter Letzt ist der Krönungswagen von Karl Albrecht an der Reihe. Dort sollen die Bilder geröntgt werden, um zu sehen ob eventuell eine Übermalung stattgefunden hat. Und die Pappmaché-Pferde, Originale aus der Zeit um 1920, werden ebenfalls geröntgt. Bei ihnen will die Schlösserverwaltung herausfinden, ob die Konstruktion von einem Drahtgerüst gestützt wird.

Das Röntgen mit der mobilen Röntgenanlage erfolgt im Prinzip wie in der Medizin. Nur die Maschine ist größer und variabler einsetzbar. Mit ihr kann von einer Minute bis zu 15 Minuten belichtet werden. Damit kommt man auch durch dickere Stahlträger und Betonschichten, für die das Röntgengerät normalerweise eingesetzt wird. Nach dem Röntgen werden die Aufnahmen vor Ort entwickelt. Dazu kommen sie in ein Entwicklerbad, das im Wagen der Firma Dekra installiert ist. Auf den Bildern werden skurrile Formen sichtbar, die manchmal erst auf den zweiten Blick offenbaren, was sie eigentlich darstellen. Nun ist zu erkennen, dass der Schwan aus einem verleimten Paket aus Holz geschnitzt ist. Viele einzelne Bretter sind übereinander geleimt und danach in Form gebracht. „Das ist eine handwerkliche Meisterleistung, da haben Bildhauer und Konstrukteure Hand in Hand gearbeitet“, staunt Piening. Am Neuen Galawagen ist zwar die Montage der Kupfertafel gut zu erkennen, jedoch sind keine Vorrichtungen für einen schnellen Austausch der Bilder zu sehen. Das zweite Paar Tafeln muss also eine andere Verwendung gehabt haben oder wurde nur einmalig ausgetauscht. Die Pappmaché-Pferde führen zu einer weiteren Überraschung: in ihnen ist keinerlei Drahtgerüst oder ähnliches. „Es gibt ein paar einzelne Drahtstücke, wie Büroklammern, aber kein Gestell, dass die Pferde aufrecht hält.“ Wie sie also die lange Zeit trotz des schweren Prunkgeschirrs aufrecht stehen konnten, bleibt vorerst ein Rätsel. Bei den Bildern am Krönungswagen, der in Paris erworben wurde, ist anlässlich der Umgestaltung die alte Malerei vermutlich abgewaschen worden. Das Kabel des Neuen Prachtschlittens wirft nach wie vor Fragen auf: es ist auf keiner der Aufnahmen zu sehen. „Wir konnten jetzt nicht alles röntgen, aber dort wo wir geröntgt haben ist es nirgends auf den Bildern erkennbar“, so Piening. Es verläuft vermutlich in den Kufen des Schlittens oder ist so gut verkleidet, dass es schlichtweg nicht erkennbar ist. Die Nymphe darf ihr Geheimnis also vorerst bewahren.


Presse-Informationen:
Dr. Cordula Mauß und Franziska Hölzle
Pressesprecherinnen der Bayerischen Schlösserverwaltung
Telefon 089 17908-160 und -180, Fax 089 17908-190
presse@bsv.bayern.de


Pressemitteilung 12. September 2017

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